ES IST LIEBE: GRIM104 – GRIM104

Auch wenn diverse Battles etwas anderes suggerieren und mir der Ruf eines unbelehrbaren Haters vorauseilt: Mindestens so exzessiv wie ich hasse, liebe ich auch. Mindestens. Wenn es mich erst mal erwischt, dann so richtig. Und verdammt, hat mich dieses Album erwischt.

grim104 Cover

Nach einigen Mixtapes mit Testo zusammen als Zugezogen Maskulin erschien vor wenigen Tagen über das altehrwürdige Hamburger Label Buback die Debüt-EP von grim104 – passenderweise mit „grim104“ betitelt. Einen Zugang zu diesem Album zu finden ist anfangs zugegebenermaßen nicht leicht. Ich brauchte drei Anläufe, aber seitdem ist es Liebe. Mein Mitbewohnski, den ich sofort gezwungen habe diese Platte zu hören und vor allem zu lieben, hat es letztens, wenngleich auch mit ziemlich eigensinniger Referenzliste, ganz gut zusammengefasst: „Beim ersten Hören dachte ich an Taktloss, beim zweiten an Ahzumjot, das dritte Mal Hören war einfach nur anstrengend und jetzt feiere ich das richtig.“ Ist das nicht wunderbar? Musik, die einen erst mal herausfordert, die es einem nicht einfach machen will, die man bezwingen muss. Und dann, wenn man sie einmal bezwungen und verstanden hat, einem so unfassbar viel zu sagen hat? Ja, das ist schön. Das hat wirklich sehr lange niemand mehr hinbekommen. Klar, alleine dieses Jahr erschienen unzählige richtig gute Alben, aber dass mich Musik einfach kalt erwischt und überhaupt nicht mehr loslässt, das hatte ich vielleicht das letzte Mal mit zwölf Jahren. Damals dank den Backstreet Boys oder The Prodigy, das weiß ich jetzt nicht mehr so genau.

In Worte zu fassen, worum es auf den acht Tracks dieser EP geht, gestaltet sich ähnlich schwer wie der Zugang zu selbiger. Schon der Opener „Frosch“ ist abstrakter und lässt mehr Interpretationsspielraum zu als alles, was man je gezwungen war von Franz Kafka zu lesen. Auf „Crystal Meth in Brandenburg“ zeigt uns grim104 das Hinterland, das Casper bisher nur angedeutet hat, in all seiner Hässlichkeit und schafft es innerhalb von vier Minuten eine bedrückende und beklemmende Atmosphäre zu erzeugen, wie es sonst wahrscheinlich nur eine Woche Urlaub in Jüterbog schafft. Mit „Dreck Scheiße Pisse“ folgt der einzig richtige Raptrack der EP. Zusammen mit ZM-Kollege Testo seziert grim104 genüßlich Deutschrap und legt Schicht für Schicht offen, wie kaputt die Szene und viele ihrer Protagonisten eigentlich sind. Was sonst nur K.I.Z. schaffen, wird hier komplett frei von Ironie, dafür aber mit mindestens derselben Wut erledigt. Rap aus Berlin, wie er klang, bevor er zum dritten Mal gestorben ist. Fickt euch alle auf allerhöchstem Niveau.

Mit „Der kommende Aufstand“ und „2. Mai“ hat mich dieses Album dann komplett in seinen Bann gezogen. Was hier atmosphärisch und inhaltlich passiert, sucht meiner bescheidenen Meinung nach nicht nur Deutschland seinesgleichen. Mit Hilfe scharf gezeichneter Bilder über drohenden und mehr oder minder bereits existierenden Aufruhr verschwimmen die Grenzen von Utopie und Dystopie so weit, bis man selber nicht mehr weiß, was von beidem erstrebenswerter ist. Was zigtausende Studien und Artikel nicht greifen können, nämlich wie die Mehrheit unserer Generation wirklich fühlt und tickt, macht grim104 schmerzlich auf wenigen Minuten erlebbar. Das ist der Soundtrack für ein Leben, das zwischen Agenturjob und dem nächsten Burnout keine Zeit mehr für wöchentliche Treffen mit den alten Freunden von der Antifa zulässt. Ein Leben, das an dem Spagat zwischen der eigenen Gemütlichkeit, der Freude am Konsum und dem Streben nach einem kompletten Neuanfang, der Explosion des Systems jederzeit zu zerreißen droht. Gegen wen soll man sein? Was soll man bekämpfen? Und wo eigentlich? Im Netz oder wirklich da draußen, auf den Straßen? „Keiner regiert die Welt“ beschwört grim104 auf dem nächsten Track „Cro Hafti Herzl“ und hat wahrscheinlich leider Recht. „Ich töte Anders Breivik“ danach liefert nur auf den ersten Blick eine Antwort auf die Frage nach konkreten Feindbildern. Zwischen den Zeilen, zwischen all dieser Wut, hört man auch hier wieder Unsicherheit und Ratlosigkeit heraus. Vielleicht ist es irgendwann vorbei mit der Wut, der Ratlosigkeit, dem Kampf gegen einen unsichtbaren Feind. Vielleicht wird man irgendwann wirklich einfach erwachsen und gut. Aber nicht jetzt. „Sternstunden der Bedeutungslosigkeit“, eine düstere Hymne für den Kampf gegen die Adoleszenz und der letzte Track dieser bis dato schon mehr als gelungenen EP, ist mit Abstand der beste Track, der mir in den letzten Jahren zu Ohren gekommen ist. Period. Auch wenn das Lied natürlich nicht eins zu eins mein Leben widerspiegelt, so erinnere ich mich nicht daran, jemals einen anderen Track so aufrichtig gefühlt, für mich verstanden zu haben. Ein perfekter Abschluss eines überragenden Debüts und der für mich überraschendsten Erscheinung dieses Jahres, ja vielleicht sogar der letzten Jahre. Ich bitte euch aufrichtig: Hört euch das an. Gebt der Platte eine Chance. Auch wenn sie am Anfang nicht nett zu euch ist. Es lohnt sich.

Die EP gibt es überall, wo man Musik halt kaufen kann. Geht suchen, ihr faulen Schweine.

In Liebe,
@MTTRFCKR.


1 Antwort auf „ES IST LIEBE: GRIM104 – GRIM104“


  1. 1 void 02. Dezember 2013 um 21:14 Uhr

    Amen! Ein Album was mich kalt erwischt hat. Unangenehm. Ehrlich. Wird mit jedem hören besser!

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